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lebenslauf

 

Indem wir hinter der Tragödie unserer Zeit die spirituelle Krise erkennen, beginnen wir zu begreifen den Platz und die Bestimmung des Menschen inmitten der irdischen Ökologie. Im Zeitalter des Modernismus wurde von der Musik erwartet, in erster Linie die Gebrochenheit unserer Existenz zu spiegeln, womit sie das wachsende Ungleichgewicht beförderte. Benötigt wird ein Paradigmenwechsel, um die Gesellschaft mit systemischer Weisheit zu heilen. Er erfordert genau das, wogegen sich die heutige Musik sträubt: ein präzises Abbild menschlicher Erfahrung im ganzheitlichen Sinne. Praktisch bedeutet dies, dass der Konflikt, den wir außerhalb unserer selbst wahrnehmen, zuerst im Inneren versöhnt werden muss. Hierzu liegen die Anlagen  im Phänomen der natürlichen Tonzahl verborgen: als logisches Drama, um die Dissonanzen unserer Beziehungen integrativ, in einer höheren Ordnung aufzuwerten.

Stefan Pohlit, Vorwort zu "Rain" (2016-17)

 

Stefan Pohlit, geboren 1976, wuchs im Umfeld der Kirchenmusik auf und strebte zunächst eine Laufbahn als Trompeter an.  Seinen ersten Kompositionsunterricht erhielt er ab 1992 von Róbert Wittinger. Hierauf studierte er bei Theo Brandmüller (Saarbrücken), Detlev Müller-Siemens & Roland Moser (Basel), Gilbert Amy & Marco Stroppa (Lyon), und dann, bis 2005, bei Wolfgang Rihm, Sandeep Bhagwati und Peter-Michael Riehm (Karlsruhe).

Stefan Pohlits Musik ist durch die Erforschung des „Sinns“ in der Musik geprägt. Die Beschäftigung mit Stimmungssystemen und komplexen harmonischen Beziehungen wird hierbei über die rein akustische Formgebung hinaus zum Ausdruck einer Identitätssuche erhoben. Schon 1997, in Basel, nahm er Unterricht in klassischer Musik Nordindiens bei Ken Zuckerman im Ali Akbar Khan College Switzerland. Am stärksten wurde sein Verständnis musikalischer Inhalte seit 1999 durch das Theoriestudium bei dem der Anthroposophie nahe stehenden Pädagogen Prof. Peter-Michael Riehm (1947-2007) beeinflusst. In seinen Werken untersucht Stefan Pohlit die diskreten Verbindungen zwischen musikalischer Substanz und den bestimmenden geistlichen und gesellschaftlichen Knotenpunkten des 21. Jahrhunderts. Seine Musik entfaltet sich als dynamischer Kontrapunkt einer logisch ausgeformten Dramaturgie. Hier wird der Versuch unternommen, das symphonische Erbe des Abendlandes im Dialog mit östlichen und antiken Traditionen neu zu erfinden - in der Wiederentdeckung der Harmonik des Hans Kayser als musikalischer Geheimwissenschaft. Gleichwohl wird die Fähigkeit der Musik hervorgehoben, ethisch-humanistische Zweifel an der Automatisierung des heutigen Lebens zu äußern und diese in einem komplexen Beziehungsspiel zu durchleuchten.

Skizze zum Selbstportrait 1998

 

Aufführungen in zahlreichen Ländern und Festivals, u. a. durch die RSO Stuttgart (SWR) und Saarbrücken (SR), Ensembles für zeitgenössische Musik wie "Phoenix" (Basel), "Reconsil" (Wien), "Musikfabrik" (Köln), "Adapter" (Berlin), "Hezarfen" (Istanbul), "UMS 'n JIP" (Basel-Brig), Stadler-Quartett (Salzburg), JACK Quartet (Chicago)  und das Amsterdam Loeki Stardust Quartet.

    Paris, 1993       "Grünes Selbstportrait", 1997       Sahara, 2002

Insbesondere durch die Tätigkeit seiner Mutter, Gertie Pohlit, als Verwalterin des Künstlerhauses Edenkoben gelangte er früh in Kontakt mit namhaften Künstler(inne)n aus Musik, Literatur und den bildenden Künsten. 1993 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Komponisten-Interessenverbands ausgezeichnet. Im selben Jahr lud ihn der bedeutende argentinische Pianist Jorge Zulueta (Grupo Acción Instrumental) zum ersten Mal zur Mitarbeit in der Société Franz Schreker nach Paris. Nach dem Vorbild dieser Begegnungen richtete das Kultusministerium Rheinland-Pfalz im darauf folgenden Jahr ein Künstlerstipendium ein, das Stefan Pohlit 1996, nach dem Abitur, von Ministerin Rose Götte verliehen wurde.

Während der frühen Studienjahre unternahm er längere Reisen nach Osteuropa, besuchte beispielsweise Bulgarien auf Einladung des Schriftstellers Emil Stoyanov (Bruder des damaligen bulgarischen Präsidenten) und war Gast des berühmten Dichters Mircea Dinescu in Bukarest. Ab 1999 begann er, orientalische Sprachen und den Islam zu studieren.

Er besuchte den Mittleren und Fernen Osten und studierte im Institut Bourguiba in Tunis. Zu dieser Zeit trat er in Kontakt mit Sufi-Orden in verschiedenen Ländern, insbesondere mit der Naqschbandiyyah und der Mawlawiyyah. 2001 besuchte er den berühmten Dergah von Menzil (Südostanatolien) - zu einer Zeit, als dieser Ort noch als Sperrgebiet galt. Ein Stipendium der Landesstiftung Baden-Württemberg führte ihn 2003 zum ersten Mal für längere Zeit in die Türkei, wo er sich als Gast und letzter Schüler des berühmten türkischen Komponisten Nevit Kodallı (1924-2009) in Mersin aufhielt und neben zahlreichen Reisen sowohl das Musikforschungszentrum MİAM der Technischen Universität Istanbul als auch das staatliche Volksmusikarchiv in Ankara besuchte. 2007 übersiedelte er als Doktorand mit einem DAAD-Stipendium nach Istanbul.

Von Prof. Turgay Erdener ans Staatliche Konservatorium Ankara berufen, erarbeitete er 2008 ein neues Ausbildungsprogramm in zeitgenössischer Musik. 2011 erlangte er in İstanbul den Doktorgrad (Ph. D.) mit einer Dissertation über das Stimmungssystem des weltbekannten Qānūn-Virtuosen Julien Jalâl Ed-Dine Weiss (1953-2015), dem er auch bei der Revision von dessen letzter Komposition behilflich war. Von 2012 bis 2014 arbeitete er als Assistant Professor (Yardımcı Doçent) für Komposition und Musiktheorie am Staatlichen Konservatorium für Türkische Musik der TU Istanbul.  Mit seinen Beziehungen hat Stefan Pohlit zahlreiche Austauschprojekte vermittelt und kuratiert. In Istanbul wurde er schließlich behördlich verfolgt und unrechtmäßig entlassen. Nach einer Reihe von Anschlägen gewann er 2018 eine Gerichtsklage gegen seine staatliche Universität, von deren Bedeutung als Präzedenzfall viele Akademiker(innen) in der Türkei profitieren werden. Zwischenzeitlich lebte er mit seiner Frau in Urla an der ägäischen Küste. Im September 2018 kehrte er vorerst nach Deutschland zurück. 

Schlüsselwörter: # neo-pythagoräismus # mikrotonalität # reine intonation # interkulturelle musik # musikalische anthropologie # geheimwissenschaft

Er ist der Bruder des Komponisten und Dirigenten Hannes Pohlit und Neffe 2. Grades des Biophysikers Prof. Dr. Wolfgang Pohlit (1928-2005) und des Immunologen Dr. Helmut Pohlit.